Eine Stunde Fahrt bis Aue

Erschienen am 05.09.2020, Naumburger Tageblatt, Fotos (4): Andreas Löffler

(1) Paul Bielke (rechts) mit einem Simson-Dreirad SD 50 und Marvin Schuster mit einem Krause-Duo präsentieren stolz ihre Fahrzeuge.
(2) Die Zulassung für das Krause-Duo datiert vom 16. November 1989.
(3) Marvin Schuster sitzt im „Cockpit“ des Krause-Duos.
(4) Paul Bielke weist auf eine technische Besonderheit hin: eine – seinerzeit ultra-moderne Scheibenbremse an einem Simons-Fahrzeug.

OLDTIMER Die Zehntklässler Paul Bielke und Marvin Schuster bauen in ihrer Freizeit alte DDR-Mopeds wieder auf. Ihre jüngsten „Neueroberungen“ sind sogar dreijährig.

von Andreas Löffler

Als ihre heutigen „fahrbaren Untersätze“ vom Produktionsband liefen, dauerte es noch anderthalb Jahrzehnte, ehe Paul Bielke und Marvin Schuster überhaupt das Licht der Welt erblickten. Die beiden Freunde, die heute an der Freien Schule „Jan Hus“ in Naumburg die zehnte Klasse besuchen, haben buchstäblich einen Narren an noch zu DDR-Zeiten hergestellten Kleinkrafträdern gefressen und sich fast schon einen kleinen „Fuhrpark“ mit den Modellen von Simson & Co. angelegt. Der Wiederaufbau von altertümlichen Mopeds und Rollern, die sie teils so gut wie schrottreif bei Bekannten und über Ebay in Garagen und Scheunen aufgestöbert haben, nimmt einen Großteil ihrer Freizeit ein.

Ihre jüngsten „Neueroberungen“ sind ein Simson-Lastendreirad SD 50 mit Baujahr 1992 (Paul) sowie ein Exemplar des kultigen DDR-Krankenfahrzeugs Krause-Duo mit amtlichem Zulassungsdatum 16. November 1989 (Marvin). „Das Dreirad basiert auf dem Motorroller SR 50, der Nachfolger der legendären Schwalbe war. Besonderheit sind die Transport-Aufbauten auf Höhe Hinterachse, die beispielsweise für die Zwecke von Marktfrauen oder Pizza-Diensten gedacht waren“, hat Paul Bielke sofort Hintergrunddetails parat.

„Genaue Zahlen gibt es nicht – aber es heißt, dass gerade einmal 1.500 Exemplare davon gebaut wurden“ stellt der Naumburger den Seltenheitswert des Gefährts heraus, welches er im vergangenen Jahr – mit Geld von Jugendweihe und aus Ferienjobs – in Freyburg erwarb.

Marvin Schuster hat das Krause-Duo bei einem privaten Verkäufer in Wernigerode erstanden. „Ein ’normales’ Moped habe ich mit einer Simson S51 ja schon. Ich fand das Krause-Duo als ’Schlechtwettervariante’ interessant – und natürlich wegen des Kult-Faktors“, berichtet der 16-Jährige. Nur auf dem kurzen Weg von seinem Heimatort Wethau zum Treff mit Tageblatt/MZ auf der Naumburger Vogelwiese sei er von mindestens sechs Leuten mit nach oben gereckten Daumen gegrüßt worden. „Und wenn du mit dem Teil irgendwo stehst, bildet sich garantiert gleich eine Traube Neugieriger darum“, ergänzt Paul Bielke.

Anders als gewöhnlich befanden sich ihre jüngsten Neuerwerbungen diesmal direkt in fahrbereitem Zustand. „Ich habe nur das zerschlissene Verdeck beim Sattler erneuern lassen. Und für die Karosse soll es demnächst mal noch eine neue Lackierung geben“, erzählt Marvin Schuster. Dennoch seien er und sein Kumpel in der bei Paul eingerichteten Schrauber-Werkstatt (sogar mit Hebebühne!) längst nicht beschäftigungslos: Ein weiteres Krause-Duo, gewissermaßen in Einzelteilen und als „Skelett“ in einer Garage bei Zweirad-Melzer in Naumburg entdeckt, wo Paul Bielke regelmäßig jobbt, harrt seiner „Wiederauferstehung“.

„Wir finden die alte Technik viel besser als die heutige Plastetechnik“, unterstreicht der 15-Jährige. Das nötige Know-how zu Restaurierung und Reparatur ihrer Oldtimer würden er und Marvin sich über das Anschauen von Video-Tutorials auf Youtube aneignen; zudem gebe es Tipps von den eigenen Vätern. Logisch aber natürlich, dass die beiden jungen Männer nicht nur in der Werkstatt zubringen, sondern mit ihren rollenden Schätzen auch regelmäßig Ausfahrten unternehmen wollen. „Dann fahren wir mit unseren Freundinnen nach Roßbach oder Richtung Himmelreich und Rudelsburg oder an den Geiseltalsee“, schildert Marvin Schuster begeistert.

Mit dem Krause-Duo haben er und Paul im Sommer eine wahrlich schräge Tour zur Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin in Aue im Molauer Land unternommen. „Das sind von hier aus zwar nicht einmal 20 Kilometer; dennoch waren wir eine ganze Stunde unterwegs“, berichtet er lachend. „Na ja, mit uns beiden, dazu je zwei Schlafsäcken, Isomatten sowie Rucksäcken, einem Kasten Bier und einer Musikbox war das Krause-Duo ja aber auch bis obenhin brechend vollgepackt“, ergänzt sein Spannemann Paul fröhlich.

Außerdem verrät er ein für die Zukunft ins Auge gefasstes Groß-Vorhaben: „Mit dem Krause-Duo einmal bis hinauf an die Ostsee fahren – das wäre was! Aber dafür müssen wir bestimmt sechs oder sieben Tage einplanen“, kalkuliert er schon mal.